Publikation:

Kunst-Kladde DAAD 2014

 

 

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http://www.kleinezeitung.at/steiermark/hartbergfuerstenfeld/3590917/einklang-natur.story 

 

Im Einklang mit der Natur

Die Künstlerin Elisabeth Scharler verfrachtete viel Natur in die Hartberger Galerie "44QM".

Ein Heuschober aus duftendem Gras mitten in den Galerieräumlichkeiten: Dahinter begegnet man einer von der Künstlerin gefundenen Katzen-Mumie inmitten monochromer Farbtafeln in Grünschattierungen. Das Tierskelett wird solcherart zum Memento mori. 100 schwebende, bunt bemalte Treibhölzer aus der Salzach wiederum erwecken Heraklits Aphorismus "panta rhei" zum Leben. Das Fließen der Zeit gemahnt an die Vergänglichkeit alles Irdischen. Davon erzählt auch Scharlers zentrale Arbeit "bodennah", angeordnet aus den geometrischen Formen Kreis, Quadrat und Linie aus Tonziegeln und Beton, zwischen denen die Künstlerin aus Naturmaterialien eine Art überkonfessionelle Voodoo-Kultstätte mit glühenden Kohlen in der Mitte errichtet hat.

Die Divergenz zwischen Mensch und Natur wird dabei von der Wahl-Berlinerin mit subtilen Mitteln hinterfragt, woraus sich wiederum die Sehnsucht generiert, im Flüchtigen das Ewige zu sehen. Es sind besonders die assoziativen Qualitäten, die Scharlers Arbeiten auszeichnen. Die Ausstellung ist noch bis 9. April zu sehen.

 
http://www.kleinezeitung.at/steiermark/hartbergfuerstenfeld/3590917/einklang-natur.story
 
 

Zur Ausstellung „Bodennah“ in Hartberg, 13. März 2014

Die Arbeiten von Elisabeth Scharler zeugen von einem starken Sinn und Zugang zu Natur und zur Natur der Dinge. „Natur“ – im doppelten Sinn als Bestand und als Geschehen betrachtet – bewegt und trägt offenbar ihr Denken und Gestalten. Die Art und Weise, wie sich die Dinge der Natur aber in ihrem Werk erschließen, ist radikal würdigend, affirmativ, liebevoll – jedoch ohne alle Verklärung und jenseits des aktuell propagierten, einfach assimilierenden Animismus. Die Dinge der Natur, ihre Formen, Farben und Materialien, gerade in ihrer unbegreiflichen Vielfalt und noch weniger greifbaren Einmaligkeit, mit der sie „je und jäh“ eingehen und vergehen im Naturgeschehen, sind ihr Gegenstand, ohne sie zu vergegenständlichen.

Es sind Fundstücke, aufgehoben und aufgelesen, dann so gestaltet und gezeigt, dass der Geschehenscharakter von Natur, die Kraft und Schönheit ihrer Dynamik und Transformationen und damit vor allem die Übergänge ins Licht rücken und als solche in den Blick kommen. Das ist es, abstrakt gesprochen, was alle ihre Arbeiten in bemerkenswerter Kohärenz zu zeigen vermögen, und gerade dies zeigt sich dem Mensch sonst nur selten. Genau genommen geschieht oder widerfährt es uns, aber wenn, dann nur in existenziellen Grenzsituationen (Liebe, Geburt, Abschied, Tod), an den Umbrüchen der Zeit (wenn Erinnerung zum Ausdruck kommt, wenn Wandel geschichtlich spürbar wird, wenn Zukunft einen Sprung verlangt) oder „bodennah“ gesagt: im Erfahren von Wandel und Widerspiel der Elemente.

Das findet in bemerkenswerter Dichte z.B. Ausdruck in der Arbeit calvae flumen, bestehend aus 100 Treibhölzer aus der Salzach, bemalt mit Acrylfarbe, die dem festen Holz-Material zum Trotz in der Luft verortet werden, zugleich von der Herkunft im Wasser sprechen, und zwar nicht von irgendeinem Fluss, sondern der Salzach - ein Lebensort der Künstlerin, daher der Geschichte und dem Geist der sie gefunden und geborgen hat, die Spur zeichnend. Alle vier Elemente sind hier zwar in fremden Medium, aber durch die Form des Entzugs oder den Verlust von vermeintlich „natürlicher“ Zugehörigkeit geeint: Flusshölzer schwebend, eigentlich Erdhaftes, bereits im Wasser fremd, aber immerhin nach dem Fundort im Fluss benannt, werden in künstlichen Farben bemalt, die dann in der Luft scheinbar, aber nicht wirklich, schwebend verweilen, ausgesetzt im Widerspiel der Lüfte – Hölzer, die, wenn sie Feuer fingen, dieses am meisten nährten.

Farbe ist hier wie in fast allen Arbeiten der Künstlerin zentral, sie soll sich wie die Form und Materialität jeweils einzeln deutlich voneinander unterscheiden. Dazu werden Farben, Formen und Materialien gewissermaßen analytisch an den Dingen hervorgehoben und aus der Komplexität des Wirklichen gelöst: Siehe z.B. die Farbtafeln bei so auf erden, die jeweils einfarbigen Ton-Skulpturen bei Louberon aus dem Kopf und die großen

 

 

Papiere in bunte erde, die mit verschiedenen Erdfarbtönen aus dem Louberon bemalt sind – auch hier jedes uni-Farben – und nicht zuletzt die monochrome Flusshölzer- Bemalung bei calvae flumen, hier allerdings mit bewusst künstlichen Acrylfarben, die am weitesten von der jeweiligen Naturfarben abweichen. Zugleich und komplementär dazu erfährt das „Farblose“ eine besondere Würdigung – wie tote Äste, Tierskelett, Ton und Erden.

Das spricht auch für die Bedeutung starker Gegensätze in diesen Arbeiten – die letztlich immer in die Dichotomie Leben/Tod münden: wie abgestorbene Flusshölzer, die in Leuchtfarben schweben; eine Katzen-Mumie/gefundenes Tierskelett inmitten grüner Farbtafeln; glatt weiße Papiere, nass getaucht in pigmentierte Erde aus dem Louberon. Ist dieses norm-geschnittene Papier immer noch Material der Natur, obwohl radikales Extraktionsprodukt aus Baum und Holz, oder ist es schon ein Menschenwerk, Kind unseres Geistes, das eingetaucht in aufgeweichte Erde, sofort deren Farbe annimmt? Papier als Grundlage und Ausdrucksmedium par excellence für den geistigen Ausdruck, das Bewahren des Gedankens, des Flüchtigsten in der Schrift, die stumme Waffe gegen die Vergänglichkeit und die Naturmacht der Zeit. Die Angst vor dem weißen Blatt ist natürlich auch sprichwörtlich, Zeichen von Perfektionismus, sagt man, genau genommen Ausdruck der verzweifelten Suche danach, das zu sagen, was ist. Warum eigentlich? Wäre es dann nicht mehr (gewesen)?

Von Erde bist Du genommen, zu Erde wirst Du werden – sagen wir, wo nichts mehr zu sagen ist. Das meint aber eine letzte Würdigung – keine tautologische Resignation. So auch diese Arbeit bunte erde – farbenfrohe Welt, die die Rückkehr des weißen Papiers vom Natur-Kunst-Produkt zum Naturgeschehen dokumentiert. Sie erzählt davon, was sich an Farbschönheit und Formenvielfalt ergibt, wenn der Mensch im übertragenen Sinn sein Haupt beugt (das heißt, die geistige Hybris, man könne das Naturgeschehen im Festhalten, im Schwarz-auf-Weiss aufheben, aufgibt) und den reinen Geist in Erde und Wasser tunkt. Das Gegensatzpaar von Kunst-/Natur(-schaffen), das hiermit auch thematisiert wird, verweist auf den der Ambivalenz von Leben/Tod zugrunde liegenden, ewigen Widerstreit von „Geist“ und „Natur“. Der Versuch, diesen Widerstreit als solchen auszutragen, trägt die Arbeiten und das Denken von Elisabeth Scharler von Anfang an.

Ausdrücklich aufgenommen wird dies als Thema gerade in louberon aus dem kopf, einer Arbeit die acht Objekte aus ungebranntem Ton und Pigment umfasst. Die in dieser Gegend, in der die Künstlerin eine Zeitlang lebte, vorkommenden Farben und Formen der Sandberge und Hänge, lösten eine vielfältige Auseinandersetzung mit Farben, Sand und Tonen aus – diese von der Zeit zermahlene Felsen, deren faszinierende und überwältigende Formen nun „aus dem Kopf“ in handlicher Größe, im Menschenmaß

geformt wurden, aber so, dass sie deutlich die Finger, die Spuren, das Ringen der Menschenhand und ihrer nun nicht mehr nur „geistigen“ Gestaltung zeigen.

Es ist und war immer eine große Frage der Philosophie, wonach „die Natur“ gestaltet, was dieses unbedingte Geschehen im Ganzen bedeute, was sie im Innersten zusammenhält und im Äußersten ausmacht, und wie „der Geist“ darin zu verorten sei? Wo fängt das Geistige in der Natur an und wo hört Geist auf, zu Natur zu gehören? In der spezifisch westlichen Deutung denken wir eine radikale Trennung zwischen Natur und Geist – dieser verstanden als Widerpart oder Gegenspieler, als kreative Gegenkraft zur Wirken der Natur oder deren perfektionierende Ergänzung – diese ergänzend vom Wirklichen hin zum Denkmöglichen.

Diesen Streit oder Widerspiel der Momente verleiht die Arbeit bodennah formal intensiv Ausdruck: in streng differenzierten „geistig“ geometrischen Formen (Kreis/Quadrat/Linie) angeordnet, vereint sie archaische Materialien und Naturstoffe/Ressourcen (Quellen unserer Verfügbarkeit?) und setzt folgerichtig Feuer und brennende Kohlen mittig, kaltem Metall und unbewegtem Beton gegenüber. Das ganze Ensemble einem Mandala ähnlich, das Ornament und Unendlichkeitszeichen, Gebet und zugleich stets ein Schweigen darüber ist, worum es eigentlich geht. Weil es in Wort und als Bild nicht zu haben ist, nur als Wink und Wandlung zu erfahren: „Und alles schwieg. Doch selbst in der Verschweigung / ging neuer Anfang, Wink und Wandlung vor.“

Eine beseelte, von Geist durchdrungene Natur und der Mensch, der vielleicht eines Geistes mit den Naturdingen, ist damit aber kaum mehr denkbar: das ist der Preis dieser kulturell so prägenden Deutung, der konzeptuellen Trennung und radikalen Unterscheidung zwischen „künstlich“ und „natürlich“, zwischen (menschlichem) Geist und (natürlicher) Materie, zwischen dem Naturgeschehen (das als unperfekt, singulär, vergänglich und im Letzten unzugänglich gilt) und dem rein geistigen Schaffen – das Vollkommenheit, Eindeutigkeit, Gewissheit erreichen kann, damit Gesetzmäßigkeiten und zeitlose Prinzipien erfassen kann, stets auf Ewigkeit und Unendlichkeit angelegt ist und damit auch die Sehnsucht danach generiert – ganz im Widerspruch zum erfahrbaren Leben und der irdischen Natur des Menschen.

Wer sich aber auf den Weg der Erfahrung begibt, das Denken durchschreitet und dabei lernt, auf das Leben zu vertrauen, was immer geschieht - und sei es nur aufgrund der abgründigen Erfahrung, genau genommen: der bodennah-Erfahrung, dass der Boden trägt, auch wenn kein Grund mehr da ist, geschweige denn sagbar wäre – für den oder diejenige gilt, was Hölderin sagt und wovon die Arbeit der Künstlerin spricht: „Wer das Tiefste gedacht, / liebt das Lebendigste.“

 

Am augenscheinlichsten tritt diese tiefe Erkenntnis in der Arbeit so auf erden ins Bild, wo eine tote Katze als Skelett, bereits mumifiziert gefunden und damit präpariert von der Natur selber, in die Mitte gestellt wird zwischen sorgfältig rechtwinklig bildhaft angeordneten, verschiedene Grünschattierungen auslotenden Farbtafeln. Die tote Katze und alle der Vergänglichkeit anheimgestellte einmalige Wesen erfahren damit eine Würdigung und ein Bekenntnis der Liebe - analog zu Rilkes Vers aus der III. Duineser Elegie: „Liebte sein Inneres, /seines Inneren Wildnis, ...,/ auf dessen stummem Gestürztsein / lichtgrün sein Herz stand.“

Das dieser Art ausgesetzte Herz kennzeichnet aber wie sonst nichts die Natur des Menschen, die überwältigt und fasziniert zugleich, ständig herausgefordert wird von den (vielleicht nur reflexiv gesetzten) Polen von Leben und Tod. Von dieser Herausforderung, an dem sich der menschliche Geist, das Begreifen wollende Verstehen, begrifflich oder bildnerisch gestaltend abarbeitet, ohne letztlich bestehen zu können – und dabei dennoch, wenn es gelingt, zum Bestand des von Menschen Gemachten beizutragen vermag – davon sprechen die hier ausgestellten Werke in dramatischer Form.

Diese Dramatik können diese Arbeiten zuinnerst nur entfalten, weil die Künstlerin gerade für dieses unzeitgemäße Empfinden der Beseeltheit oder Geisthaftigkeit oder Spiritualität der Natur einen ausgeprägten und erfahrungserprobten Sinn hat. Nur deshalb lässt sie sich selbst von Stein, Sand und Erden ansprechen – befasst sich mit vermeintlich Totem und Geist-fernstem, vermag gerade an den Rändern des Geistes bodennah ins Schweben zu geraten, kommt an den Abgründen des Verstehen-könnens gerade ins Verstehen – und damit in eine fruchtbare Auseinandersetzung wo Vergänglichkeit und Verlust sonst den Blick verdunkeln, zum Abwenden und Ablenken zwingen. Dieser Gefahr, die uns ständig begleitet, entgeht sie mit der Einsicht Simone Weil’s: „Die Wirklichkeit verstehen zu wollen und sie zu lieben, ist ein und dieselbe Sache.“

Die Arbeiten Elisabeth Scharlers scheinen ein steter Versuch und immer trittsicherer Weg – in unzähligen Schritten und je neuen Kompositionen, Studien, Bildern und Worten – diese Liebe zu leben und dieser Einsicht, sie stets von anderer Warte aus bezeugend, Rechnung zu tragen.

Dr. Karin Hutflötz, München im März 2014 

 

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